Von Enten und anderen Köstlichkeiten

 

Auch in Frankreich gibt es deftige Gerichte, ganz deftige sogar. Da ist ein deutscher Sauerbraten ein Schlankheitsmenü dagegen.

Confit Canard

Confit heisst eingekocht und Canard sind Enten, die in der Dordogne-Küche eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Jede Bauersfrau die etwas auf sich hält, hat nebst Hühnern und Gänsen auch Enten auf ihrem Hof. Die führen, bis sie in den Kochtopf kommen, ein glückliches Leben. Sie ernähren sich, nebst  Maiskörnern, von Käfern, Würmern und anderem Getier. Nun aber zum besagten Confit Canard. Ein Gericht das ich erst in der Dordogne kennengelernt habe.

Kurz nach meinem Umzug aus der Schweiz in meine neue Heimat wurden mein Lebenspartner und ich zum Essen eingeladen. “Wir wollen euren Einzug feiern”, so meine Nachbarin und “wir wollen euch kennenlernen.” Pünktlich um acht Uhr erschienen wir. Freudiges Händeklatschen begrüßte uns und zehn Augenpaare musterten uns neugierig. Meine Nachbarin hatte ihre Verwandtschaft eingeladen. Dass die Verwandtschaft noch viel umfangreicher war, das habe ich erst später erfahren.

Eine bunte Tischdecke mit ebenso bunten Tellern, schmückten den Tisch. Doch bevor es so richtig zur Sache ging, wurde der obligatorische Aperitif zelebriert. Pastis, ein alkholisches Getränk mit Anisgeschmack und verschiedene Häppchen. Hungrig wie ich war, griff ich herzhaft zu. Ich ahnte ja nicht, was noch alles auf mich zukommen würde.

Minutenlanges Stühle rücken und Füße scharren, bis endlich alle am Tisch sassen. Und dann wurde aufgetischt. Zuerst eine Suppe mit Einlage. Danach Paté, Wurst und Schinken, begleitet von herrlich duftenden Baguettes. Die Tischrunde langte kräftig zu. Ab und zu wurde das Klappern des Bestecks durch ein ah très bon, unterbrochenbevor man sich wieder den Köstlichkeiten widmete. Auch dem Wein wurde kräftig zugesprochen. Nachdem die Teller leergeputzt waren, wurde die Krönung aufgetragen: Im Ofen geschmorte Entenbeine. Dazu wurden gebratene Kartoffeln mit Speck, Pilzen und ganz viel Knoblauch (Confit Canard avec Pommes Sarlat). Es roch himmlisch und schmeckte ebenso. Stille legte sich über die Tischrunde. Jeder war mit sich und dem wundervollen Essen beschäftigt. Auch ich.

Als die Teller abgetragen waren, freute ich mich auf einen kleinen feinen Nachtisch, der auch bald serviert wurde. Eine Kugel Zitronensorbet  der im Champagner badete.”Damit schaffst du Platz für den Käse und die Torte”, flüsterte mir meine Tischnachbarin zu und machte sich über den vermeintlichen Nachtisch her. Entsetzt starrte ich sie an. Es gab noch mehr zu Essen! “Da musst du jetzt durch.” Sie lächelte mich aufmunternd an. Ich seufzte leise, aber das Eis mit dem Champagner schaffte Platz für weitere Köstlichkeiten.

Eine Platte mit Käse, Camembert, Nusskäse, Brie und Ziegenkäse, zusammen mit einem grünen Salat garniert mit gebratenen Entenherzen. Zum Abschluss die mächtigste Buttercremetorte die ich je gegessen hatte.

Ich glaube, das Essen schlug bestimmt mit mindestens fünftausend Kalorien zu Buche, eher mehr. Ich fühlte mich wie eine Kugel, als ich aufstand. Beim Abschied klopfte mir meine Nachbarin auf die Schulter. “Willkommen in der Dordogne.”

Wahrhaftig, so üppig hatte ich noch nie gegessen und die Tage darauf, war in meiner Küche ‘Schmalhans’ angesagt.

Heute wird das Confit Canard in Dosen, wie auf dem Bild, in Gläsern oder auch frisch, aber bereits vorgekocht, an der Fleischtheke angeboten.

Früher ließ es sich die Hausfrau nicht nehmen, ihre Enten selber einzukochen. Dazu wird die Ente zerteilt und im Entenfett, das in jedem Haushalt vorrätig ist, zusammen mit Salz und Pfeffer in einem Topf langsam im offenen Kamin über einem kleinen Feuer geschmort. Das dauert meistens mehrere Stunden. Danach wird das Entenfleisch mit dem Fett in  irdene Keramiktöpfe abgefüllt und in der kühlen Speisekammer gelagert.

Solche Einkochaktionen wurden in der Regel vor Weihnachten und vor Ostern gemacht. Im Sommer ist ein solch deftiges Menü eher nicht angesagt. Nur den Touristen wird es auch im Sommer angeboten, als Dordogne-Spezialität.

Inzwischen habe ich mich hier sehr gut eingelebt. Ich weiß, dass diese Essorgien nur zu bestimmten Feierlichkeiten, wie  Weihnachten, Ostern oder eben als Willkommensgruß für neue Zuzüger stattfinden.

 

 

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Geschichten die auf der Straße liegen …

… und die erzählt werden wollen.

Ich wohne nun schon seit einigen Jahren in der Dordogne, im Südwesten von Frankreich. Und ich liebe dieses Land und mein Dorf. Ich bin angekommen.

Zwar bin ich immer noch ‘die Ausländerin’und das werde ich auch bleiben, aber wenn ich im Dorf mein Baguette hole, im ‘Tabac’ die Zeitung, oder im Tante Emma-Laden meinen Käse, dann werde ich mit einem Küsschen und einem lockeren Spruch begrüsst und einige bedauern es, dass meine Bücher nicht in französischer Sprache verlegt werden.

Ich liebe das ‘laisser faire’, die Leichtigkeit, die in diesem Wort liegt, und nerve mich nicht mehr über das Schwätzchen an der Kasse im Supermarkt, das die Schlange der Wartenden aufhält, die Langsamkeit hat auch mich erreicht.

Auch die Logistik hat hier einen ganz anderen Stellenwert als in Deutschland oder in der Schweiz. Aber vielleicht bin ich schon zu sehr Französin, als dass mich fehlende Produkte im Supermarkt oder im Baumarkt aus der Bahn werfen. C’est la campagne, sagt meine Nachbarin dann mit einem Achselzucken.

Mittlerweile beherrsche ich die Sprache recht gut, doch ich werde sie nie, solange ich lebe, mit all den Feinheiten beherrschen. In diese Sprache wird man hineingeboren.

Mein neuer Roman spielt in meinem Dorf, allerdings in einer früheren Zeit. Aber die Dorfmitbewohner haben meine Figuren schon beeinflusst.

Der Apotheker. Der Fleischer. Seine Frau, die Neugierige. Der Baron vom Nachbardorf und der Dorfdoktor. Nicht zuletzt aber auch die wunderschöne Landschaft, die sich sanft wölbend um mein Dorf schmiegt. Die Weinberge, die immer wieder durch kleine Waldstücke unterbrochen werden. Das Tal, durch das sich die Isle, ein kleiner Fluss schlängelt. Das alles hat mich  inspiriert.

Die ‘Geschichten liegen auf der Straße’ man muss sie nur sehen und sie erzählen.

Leseprobe aus meinem noch nicht veröffentlichten Roman.

Im Wartezimmer sassen bereits zehn Personen und zehn Augenpaare schauten mich verwundert an. Ich murmelte ein kaum hörbares ›guten Morgen‹ und setzte mich auf einen der klapperigen Gartenstühle. Die Frau des Fleischers war die einzige, die ich kannte. Sie nickte mir zu und widmete sich dann wieder ihrer Strickarbeit. Die Stricknadeln klapperten und sie brabbelte dabei ›links-rechts-links-rechts‹ vor sich hin. Es musste ein Pullover für ihren Mann werden, die Strickarbeit hatte ein nicht unerhebliches Ausmaß. Die übrigen Wartenden schienen aus dem Nachbardorf zu kommen oder es gab in den letzten Jahren, als ich in Toulouse war etliche Neuzuzüger im Dorf. Ich kannte keinen davon.

Ich nahm mein Buch aus der Tasche und fing an zu lesen, denn bei den vielen Leuten richtete ich mich auf eine längere Wartezeit ein.

“Sind Sie krank, Fräulein Amélie?” Die Frau des Fleischers hatte ihr Strickzeug auf den Schoss gelegt und sah mich neugierig an.

Ich schüttelte den Kopf. “Nein, nein, ich möchte nur etwas mit dem Doktor besprechen.”

“Aha, kann dauern, der Doktor ist nicht hier. Er musste nochmals weg zu einem Notfall, hat er gesagt.”

“Macht nichts, ich habe Zeit.”

Was lesen Sie denn da?” Neugierig äugte sie in das Buch. “Etwas Gescheites?”

Ich schmunzelte. “Einen Roman über eine Ärztin in Afrika.”

“Also etwas Gescheites. Ja, ja, die Welt hat sich verändert. Heute lesen die Frauen gescheite Bücher. Früher hatten sie keine Zeit, früher mussten sie hart arbeiten.”

“Ärztinnen arbeiten auch hart”, entgegnete ich, “ganz besonders wenn sie in Afrika leben.”

“Hm”, brummelte sie und betrachtete ihr Strickwerk. “Für meinen Mann zum Geburtstag. Er ist ein Guter, hat mich noch nie geschlagen.”

Ich sah den Fleischer vor mir. Ein bulliger Mann mit Händen wie kleine Baggerschaufeln und einem aufgedunsenen Gesicht. “Das ist schön. Wie geht es ihrem Mann?”

“Gut, danke der Nachfrage.” Sie schaute mich lange an. “Sie sind doch jetzt eine Frau Doktor? Im Dorf reden alle über Sie.”

Ich nickte, “ja, das bin ich.” Und eine ohne Arbeit, fuhr es durch meinen Kopf.

“Ich werde dann mal weiter stricken, sonst wird der Pullover nicht fertig. Sein Geburtstag ist schon in drei Wochen”, und sie ließ die Nadeln durch die Maschen fliegen.

©Verena Dahms

 

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