Ein leiser Sommer ist kein Stillstand

alt-Text: Ruhiger Sommertag in einem Dorf in der Dordogne
Im Sommer wird es ruhiger.
Die Tage werden heiss, die Fensterläden bleiben länger geschlossen, und selbst das Dorf scheint am Nachmittag für ein paar Stunden den Atem anzuhalten. Wer kann, verlegt sein Leben nach draussen oder in den Schatten. Auch im Internet scheint weniger los zu sein. Die Menschen sind unterwegs, sitzen am Meer, im Garten oder irgendwo auf einer Terrasse.
Und das ist gut so.
Auch mein Schreiben im Sommer fühlt sich anders an. Leiser vielleicht. Aber ein leiser Sommer ist kein Stillstand. Manchmal ist er gerade die Zeit, in der vieles wächst – nur nicht für alle sichtbar.
Muss ich als Autorin ständig sichtbar sein?
Als Autorin hat man manchmal das Gefühl, ununterbrochen auf sich aufmerksam machen zu müssen.
Hier ein Beitrag, dort eine Story. Ein neuer Trend, eine neue Plattform, ein weiterer Zug, in den man möglichst schnell einsteigen sollte. Sonst, so könnte man meinen, fährt er ohne einen ab und man wird irgendwo an einem verlassenen Bahnhof zurückgelassen.
Ich habe inzwischen gelernt, dass ich nicht in jeden Zug einsteigen muss.
Vielleicht liegt es daran, dass ich ohnehin langsam schreibe. Nicht langsam im Sinne von: Es geschieht nichts. Im Gegenteil. Während ich einen Satz verwerfe, einen Absatz verschiebe oder eine Figur durch Marseille schicke, arbeitet die Geschichte weiter.
Manchmal auch dann, wenn ich gar nicht am Schreibtisch sitze.
Geschichten halten sich nicht an Arbeitszeiten
Beim Spazierengehen. Beim Fotografieren. Während ich eine Pflanze giesse oder am Abend einen Film anschaue.
Geschichten sind da ziemlich eigenwillig. Sie halten sich nicht an Arbeitszeiten. Oft finden sie gerade dann eine Lösung, wenn man sie für eine Weile in Ruhe lässt.
In diesem Sommer geschieht bei mir vieles leise.
Ein Roman befindet sich auf den letzten Metern vor seiner Veröffentlichung. Ein anderer wächst Kapitel für Kapitel weiter. Dazwischen entstehen Pläne, werden Unterlagen zusammengestellt, Fotos angeschaut und Gedanken notiert.
Von aussen sieht das vielleicht nicht nach besonders viel aus. Es gibt keine täglichen Meldungen darüber und keinen Trommelwirbel.
Aber es ist trotzdem Bewegung da.
Was im Stillen wächst
Ich glaube, dass diese stillen Zeiten wichtig sind. Nicht nur für das Schreiben.
Wir müssen nicht aus jedem Gedanken sofort einen Beitrag machen und nicht jeden schönen Augenblick festhalten, um ihn anschliessend zu veröffentlichen. Manche Dinge dürfen einfach geschehen. Ohne Publikum.
Gerade im Sommer möchte ich mir diese Freiheit nehmen.
Ich möchte schreiben, aber auch hinausgehen. Ich möchte meine Geschichten im Auge behalten, ohne ihnen ständig auf die Finger zu schauen. Und ich möchte nicht das Gefühl haben, etwas zu verpassen, nur weil ich ein paar Tage weniger sichtbar bin.
Denn ein leiser Sommer ist kein Stillstand.
Vielleicht ist er sogar das Gegenteil: eine Zeit, in der etwas wächst, während niemand zusieht. So wie eine Geschichte, die lange im Verborgenen bleibt, bevor sie bereit ist, hinaus in die Welt zu gehen.
Und wie ist das bei euch? Wird euer Sommer ebenfalls etwas leiser?
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