Warum ich heute (meistens) nicht mehr plotte

und trotzdem Bücher schreibe
Ein persönlicher Blick auf Schreiben zwischen Struktur und Intuition
In der Theorie war ich perfekt vorbereitet
Ich habe an der Hamburger Akademie für Fernstudien das Schreiben von der Pike auf gelernt. Figurenentwicklung, Perspektiven, Dialogführung – und natürlich auch das Plotten. Kapitelstruktur, Spannungsbögen, Wendepunkte: alles war fein säuberlich geplant.
So entstanden auch meine ersten Romane – nach Lehrbuch, durchdacht bis zur letzten Szene.
Und ja: Es funktionierte. Die Geschichten waren rund. Die Figuren folgten dem roten Faden.
Nur eine Sache passierte dabei…
Ich verlor die Lust.
Plotten war für mich wie eine vorgebuchte Pauschalreise.
Man weiß, wo’s hingeht. Man kennt das Hotel, den Tagesablauf, das Essen, vielleicht sogar die Gespräche.
Und irgendwann fragt man sich: Warum mache ich das eigentlich noch selbst?
Genau das geschah beim Schreiben. Ich wusste, was passieren würde – schon bevor ich den ersten Satz tippte.
Die Figuren gehorchten brav – aber sie lebten nicht mehr.
Es fehlte… die Entdeckung.
Heute schreibe ich anders. Und freier.
Ich beginne mit einer Idee – einem Moment, einer Figur, manchmal nur einem Satz.
Ich habe ein Ziel, ja. Ich weiß ungefähr, wohin die Reise geht.
Aber wie ich dorthin komme? Das erfahre ich beim Schreiben.
Meine Figuren dürfen sich entwickeln. Sie dürfen mich überraschen, streiten, abbiegen.
Manche Szenen schreibe ich, ohne zu wissen, ob sie es ins Buch schaffen.
Manche Nebenfigur wächst mir so ans Herz, dass sie plötzlich wichtig wird.
Und das hat einen Namen: Ich bin eine Pantserin.
In der Schreibwelt nennt man das „pantser“ – vom englischen writing by the seat of your pants.
Also: aus dem Bauch heraus. Ohne vorherigen Plot.
Die Geschichte entsteht auf dem Weg, nicht auf dem Reißbrett.
Das Gegenteil sind die Plotter – Autor*innen, die alles vorab planen.
Und irgendwo dazwischen sitzen die Plantsers – mit einem groben Plan, aber viel Freiraum.
Mein Fazit: Es gibt kein Richtig oder Falsch.
Ich habe das Plotten gelernt – und ich bin froh darüber.
Aber heute weiß ich: Nicht jede Geschichte braucht eine Landkarte.
Manche brauchen Vertrauen. Und Neugier. Und manchmal auch ein bisschen Chaos.
Was zählt, ist nicht der Weg, sondern dass wir überhaupt schreiben.
Und das tue ich. Lieber denn je.
Übrigens: Mein neuester Roman ist fast komplett aus dem Bauch heraus entstanden – und trotzdem (oder gerade deshalb?) bin ich ihm näher als vielen geplotteten. Vielleicht liegt die Magie genau dort: Zwischen Intuition und Vertrauen
Und du?
Plotter oder Pantser – wie gehst du an deinen Text heran?
Schreib’s mir gern in die Kommentare oder per Mail. Ich bin neugierig.
Ich grüße dich ganz herzlich aus Frankreich,
Verena
Entdecke mehr von Verena Dahms Autorenseite
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.