Augen – Blicke

Der Weihnachtslichterglanz ist vorüber, die fetten Pasteten, die saftigen Braten und die leckeren Süssigkeiten sind verdaut, der Alltag hat mich wieder eingeholt.

Gut so, oder auch nicht, denn der Januar hat, nach einem frühlingshaften Dezember, zugeschlagen und zwar erbarmungslos. Nein nicht mit Schnee, aber mit Regen, drei Wochen lang.

Nun, ich habe nicht viel verpasst, eine schon lang geplante Augenoperation stand an, eine gute Zeit, die in diesem trüben Wetter durchzuführen.

Was habe ich noch gemacht, während diesen Regentagen? Natürlich geschrieben, das Wetter hat ja gerade dazu eingeladen.

Meine Protagonistin, ihr Aufbegehren, ihre Suche, ihr Scheitern und letztendlich ihr Erfolg, und danach die Erkenntnis, dass Erfolg nicht alles ist, das treibt mich an, immer weiter Szene um Szene in meinem Computer zu schreiben.

Eigentlich ist das für mich die schönste Zeit des Schreibens. Ich tauche in meine Geschichte ein, ich lebe mit meiner Protagonistin, ich leide mir ihr, ich freue mich, wenn es ihr gut geht und ich weine mit ihr, wenn sie mal wieder nicht weiß wie es weitergehen soll.

Und wenn ich dann “ENDE” unter mein Manuskript geschrieben habe, dann…, berichte ich euch darüber, wie ich mich fühle. Ich hoffe, dass ich das bald tun kann.

Hier mal ein kleiner Ausschnitt. Für meine Protagonistin beginnt einer neuer Lebensabschnitt:

“Hier ist es”, die ersten Worte von Frau Smith, nach der einstündigen Fahrt quer durch die Stadt. Sie hielt vor einem mächtigen Eisentor an, und stieg aus um es zu öffnen.

Wie ein Gefängnis, dachte Anna und duckte sich in ihren Sitz. Eine lange Baumallee führte zum Eingang des Hauses. Kein Licht erhellte die Fenster. Anna kletterte aus dem Wagen und nahm stumm den Koffer in Empfang, den Frau Smith aus dem Kofferraum gehoben hatte. Sie schritt hinter ihr die Steinstufen hoch und trat in eine dunkle Halle. Schüchtern wartete sie, bis Frau Smith das Licht eingeschaltet hatte, um ihr dann den Korridor entlang in das Büro zu folgen. 

“Ich werde dir nachher dein Zimmer zeigen, das du mit einem anderen Mädchen, einer Französin, teilen wirst.” Sie beugte sich nach vorne, zog aus einer Mappe ein eng beschriebenes Blatt heraus und schob es zu Anna hin. “Das sind unsere Hausregeln, da sie aber nur in englischer Sprache vorliegen, werde ich sie für dich übersetzten.”

Anna nahm das Blatt und starrte auf die handgeschriebenen Buchstaben, und erneut fuhr ihr das Wort ‘Gefängnis’ durch den Kopf.

“Morgens um sechs Uhr ist Tagwache”, begann Frau Smith, “danach eine Stunde Turnen und um sieben Uhr Frühstück im Gemeinschaftsraum. Nach dem Frühstück gibt es eine Stunde Englischunterricht.”

Anna schaute sie erstaunt an: “Wann darf ich dann zur Schule gehen?”

“Nach dem Unterricht”, erwiderte Frau Smith und fuhr fort, “am späten Nachmittag wird in der Küche mitgeholfen. Gemüse rüsten, Tische herrichten, Wäsche waschen, denn wir sind hier kein Hotel”, ergänzte sie mit strenger Stimme. “Nach dem Abendessen, das gemeinsam um sieben Uhr eingenommen wird, ist noch eine Stunde zur freien Verfügung, und um neun Uhr ist Lichterlöschen. Hast du alles verstanden?”

Anna nickte. “Darf ich dann in dieser freien Stunde noch malen?”, fragte sie schüchtern. 

“Es wäre besser, wenn du in dieser Stunde Englisch lernen würdest, malen kannst du zur Genüge in der Schule.” Sie erhob sich, “komm ich zeig dir jetzt dein Zimmer.”